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Aquakulturen

Während die Fangmengen aus den Weltmeeren stagnieren, nehmen die Erträge aus Aquakulturen mit über 10 Prozent pro Jahr zu. Der Hoffnung auf eine verbesserte Versorgung der Menschheit mit tierischem Eiweiß und auf eine Entlastung der überfischten Weltmeere stehen jedoch die negativen Folgen der Zucht von Lachsen und Garnelen, die zum Gedeihen auf tierische Eiweiße angewiesen sind, entgegen. Die Nutzung der Weltmeere durch immer größere und effizientere Fischfangflotten darf durchaus als massive Misswirtschaft bezeichnet werden: Etwa 70 Prozent der Bestände an Meeresnutzfischen sind entweder bis an die Grenzen der für die Bestandserhaltung nötigen Kapazitäten genutzt, überfischt oder unmittelbar in der Existenz bedroht. Weltweit stieg die Fangmenge von rund 20 Millionen Tonnen im Jahr 1950 auf 113 Millionen Tonnen im Jahr 1995. Zurzeit wird den Ozeanen jedes Jahr mehr als ein Zehntel der gesamten tierischen Biomasse entnommen. Neben den fehlenden Eigentumsrechten auf hoher See, die einen ökonomischen Umgang mit den Meeresressourcen verhindern, fördern staatliche Subventionen die Überfischung und maßlose Ausbeutung der Weltmeere. Mit immer raffinierten Fangtechniken entleeren die Fangflotten einiger weniger Nationen die Ozeane. Mittlerweile lässt sich die Fangmenge trotz größten Anstrengungen nicht mehr weiter steigern, und in Zukunft muss mit sinkenden Ernteerträgen gerechnet werden. Zudem hat sich die qualitative Zusammensetzung des Fanggutes, das in verstärktem Masse minderwertige Fische einschließt, erheblich verändert. Dadurch hat der Nährwert pro Tonne angelandeten Fisches erheblich abgenommen.

Angesichts dieser Entwicklung überrascht es kaum, dass sogenannte Aquakulturen einen regelrechten Boom erleben, ob in natürlichen oder künstlichen Gewässern. In Aquakulturen werden unter kontrollierten Bedingungen vor allem Krebstiere, Muscheln, Fische und Wasserpflanzen gehalten und regelrecht bewirtschaftet. Dazu gehören auch die Vermehrung von Organismen und züchterische Eingriffe, so dass bei Arten wie dem gemeinen Karpfen bereits von im Wasser lebenden Haustieren gesprochen werden kann.

Im vergangenen Jahrzehnt stieg der Ertrag aus den Aquakulturen sprunghaft an. Wurden 190 in solchen Anlagen 13 Millionen Tonnen Fisch produziert, waren es acht Jahre später bereits über 30 Millionen Tonnen. Dennoch sind Aquakulturen keineswegs eine neue Erfindung: In China wird seit mindestens dreitausend Jahren in künstlich angelegten Teichen Fisch produziert. Heute werden dort auf einer Fläche von fünf Millionen Hektaren Fische gehalten. Dies geschieht zumeist in sogenannten Polykulturen, in denen verschiedene Karpfenarten mit unterschiedlichen Nahrungspräferenzen die oberen und mittleren Wasserschichten bevölkern und sich von Wasserpflanzen, Abfällen, Plankton oder Algen ernähren. Die unteren Wasserschichten werden von Weissfischen bevölkert. Dank diesem Verfahren sowie durch eine Intensivierung der Produktion mit neuen Futtermitteln ist es chinesischen Bauern heute möglich, jährlich über vier Tonnen Fisch pro Hektare zu ernten. Befürworter von Aquakulturen wie das Worldwatch Institute in Washington weisen vor allem darauf hin, dass die Produktion von Meeresorganismen in Kulturen wesentlich zur Versorgung der wachsenden Weltbevölkerung mit tierischem Eiweiß beitragen könnte, insbesondere in Regionen mit chronischen Mangel- und Unterernährung.

Dies liegt vor allem an dem bedeutend niedrigen Energieaufwand, mit dem Fische pflanzliche Futtermittel in tierischem Eiweiß umwandeln können. Während beispielsweise ein Mastrind für die Erzeugung von einem Kilogramm tierischem Eiweiß 7 Kilogramm pflanzliches Eiweiß umsetzen muss, benötigen Fische dazu im Durchschnitt lediglich 2 Kilogramm pflanzlich Eiweiß. Im Gegensatz zu Rindern und Schafen können Meeresorganismen auch in bisher völlig unproduktiven Regionen gezüchtet werden. Bestes Beispiel sind die neu angelegten Meerwasserfarmen an der Küste des bürgerkriegsgeplagten Eritrea. Aus dem Roten Meer wird durch Kanäle Salzwasser auf ein 200 Hektar großes sandiges Areal geleitet, wo Garnelen, Fische und Seaphire, eine unscheinbare grüne Meerpflanze, gehalten und vermehrt werden. An dem kommenden Frühjahr sollen von hier aus täglich zwei Tonnen Garnelen exportiert werden. Man hofft auf einen Jahresumsatz von vierzig bis fünfzig Millionen Dollar. Aber auch kleinere Aquakulturen können u einer besseren Landausnutzung sowie zu einer deutlichen Einkommensverbesserung von Kleinbauern führen, wie Projekte in Sambia und Bangladesh gezeigt haben.

Das Kreuz mit dem Lachs

Mit der Ausweitung der Aquakulturen, in denen weltweit über 220 Fischarten gezüchtet werden, verband sich auch die Hoffnung, dass der Druck auf die Fischbestände in den Weltmeeren nachlassen würde. Dem ist allerdings nicht so — im Gegenteil. Wissenschaftler aus Amerika, den Philippinen, Schweden und Großbritannien haben vor kurzem gezeigt, dass die Bewirtschaftung von fleischfressenden Arten, die auf tierisches Eiweiß angewiesen sind, den Raubbau der Fischbestände in den Ozeanen sogar verstärkt und die Einführung von nachhaltigen Fangtechniken verhindert. Zu den Arten, welche die Aquakulturen in Verruf bringen, gehören in erster Linie Lachs- und Garnelenarten. Während pflanzenfressende Arten wie der Karpfen mit pflanzlichen Eiweißen aus Sojabohnen- oder Erdnussmehl zufrieden sind, benötigen karnivore Arten tierisches Eiweiß, um hohe Erträge zu liefern.

Nichts war naheliegender, als die Beifänge der Hochseeflotten zu Fischmehl und Fischöl zu verarbeiten, um daraus in den Aquakulturen hochwertigeren Fisch zu produzieren. Der Haken an der Sache: Mit den 1997 verfütterten 1,8 Millionen Tonnen Wildfisch aus Beifängen wurden lediglich 650.000 Tonnen Lachs gewonnen. Der von Industrieländern wie Norwegen, Kanada, Großbritannien und den USA produzierte Edelfisch mit einem Marktwert von über zwei Milliarden Dollar verbraucht zusammen mit den anderen in Aquakulturen gehaltenen fleischfressenden Meeresorganismen weit über zwei Prozent der Primärproduktion der Weltmeere. Während also die auf industrieller Basis arbeitenden großen Fischereiflotten die Ozeane mitsamt den Schelfgebieten wahllos leerfischen und aus dem Beifang Fischmehl und Fischöl für die Produktion von Lachs für die reicheren Länder erzeugen, fangen die traditionellen Fischer in den ärmeren Ländern immer weniger Fisch. Alle Bemühungen, auch der fischverarbeitenden Industrie, den Beifang durch technische Neuerungen zu reduzieren, haben sich mittlerweile in Rauch aufgelöst. Es muss daher dringend nach Wegen gesucht werden, ohne dass schmerzliche Ertragseinbußen eintreten.